Stefan Engel – Eine Fabel
Als der Frühling kam, krochen die ersten Erdkröten aus dem Wald zurück an den großen Weiher. Sie hatten wie jedes Jahr den Winter dort verbracht.
Nun stellten die Erdkröten jedoch fest, dass einige Teichmolche und andere Frösche zu ihrem Weiher gefunden hatten, die im Sommer zuvor dort noch nicht gewesen waren. Besonders die Springfrösche gefielen ihnen nicht. Denn diese hatten sich gerade jene Plätze am Ufer ausgesucht, die die Erdkröten schon seit Generationen immer wieder gern besetzten.
„Wir wollen, dass ihr weggeht!“, sagte eine besonders große, höckerige Erdkröte. „Wir waren schon immer hier und ihr sitzt auf unseren Steinen und an unseren Plätzen und sonnt euch dort, wo wir uns immer gesonnt haben. Ihr fresst dort, wo wir immer gefressen haben. Ihr nehmt uns unsere Heimat! Macht euch fort! Wir wollen euch hier nicht bei uns haben!“
Und die anderen Erdkröten quakten laut und tief und wollten die Frösche so vertreiben.
Doch der Lärm führte weitere Springfrösche hinzu und auch einige der Teichmolche schwammen heran.
„Seid bitte nachsichtig mit uns, liebe Freunde!“, sagte einer der Molche. „Im letzten Sommer hat die Hitze unseren Teich beinahe ausgetrocknet. Und im Herbst warfen unachtsame Menschen Feuer ans Ufer. Fast alles verbrannte. Nur wenige von uns konnten sich retten. Mit letzter Kraft kamen wir an diesen Weiher und konnten hier überwintern.“
„Das Feuer haben wir gerochen. Die Dürre haben auch wir gespürt“, sagte die Höckerkröte.
„Wir auch, wir auch!“, bekräftigten die anderen Kröten.
„Dann wisst ihr ja, wie groß die Gefahr war, aus der wir entkamen“, sagte nun ein Teichfrosch. „Zeigt Erbarmen und lasst uns bei euch hier in Frieden leben. Wir wollen auch brav andere Plätze nehmen und machen euch die Orte frei, die ihr gewohnt seid. Und wenn der Sommer wieder Regen bringt wie früher, dann senden wir Späher aus zu schauen, ob unser alter Teich wieder genug Wasser führt. Dann verlassen wir euch im Herbst wieder.“
Und die Molche und Springfrösche stimmten zu und riefen: „Ja, das wollen wir tun.“
„Nein, der Weiher gehört uns“, rief der höckerige Anführer der Kröten. „Wir waren schon immer hier. Und bald kommen unsere Brüder und Schwestern aus dem Wald und wollen an ihre angestammten Plätze zurückkehren. Ihr seid uns im Weg. Macht euch fort! Jetzt gleich und nicht erst im Herbst.“
„Aber wohin sollen wir denn gehen?“, fragte ein Frosch traurig. „Wir haben doch keinen Platz, an dem wir leben können.“
„Das ist uns egal“, entgegnete die Höckerkröte hart. „Wir ziehen uns jetzt zurück und rufen unsere Schwestern und Brüder zusammen. Ich werde ihnen von eurer Frechheit berichten. Und dann kommen wir wieder und vertreiben euch. Denn der Weiher gehört uns, nur uns allein.“
Da riefen die anderen Kröten: „Der Weiher gehört nur uns allein! Der Weiher gehört nur uns allein!“
Und sie kehrten alle zurück in den Wald und riefen bedrohlich im Chor: „Der Weiher gehört nur uns allein! Der Weiher gehört nur uns allein!“, bis die anderen die wütenden Kröten nicht mehr hören konnten.
Stumm und verzweifelt sahen sich die Molche und die Springfrösche an. Sie wussten keinen Rat, denn sie wollten einen Streit mit den Kröten vermeiden. Doch sie wussten keinen anderen Ort, an den sie gehen konnten.
Da hörten sie plötzlich eine alte Stimme, die zu ihnen sprach: „Verliert nicht den Mut! Ich helfe euch, einen Weg zu finden.“
Die alte weise Sumpfschildkröte schwamm bedächtig zwischen den kleineren Amphibien ans Ufer und ließ sich nieder, um zu verschnaufen.
„Ich kenne die Höckerkröte seit langem“, sagte die Alte. „Sie war schon immer mürrisch und hatte Angst vor allem, was anders war und fürchtete jeden, den sie nicht kannte. Doch nicht alle Erdkröten haben solche Angst und sind so böse wie die Höckerkröte. Wenn sie wiederkommen, werde ich versuchen, die anderen zu überzeugen. Denn unser Weiher ist sehr groß und bietet Platz für uns alle. Und im Wasser ist es sicher, seit vor ein paar Jahren ein Mensch den letzten Raubfisch gefangen hat. Nur die Ringelnatter, die auch aus dem Wald kommt, und der Graureiher, wenn er aus der Luft unseren Weiher sieht, können uns zur Gefahr werden.“
„Ja“, sagte da ein Laubfrosch, der schon viele Sommer und Winter in der Nähe des Weihers zugebracht hatte. „Gemeinsam können wir alle hier gut leben. Und wenn wir wachsam sind und uns gegenseitig warnen, dann wird uns nichts Böses widerfahren.“
Da wandte sich die alte Schildkröte an die Libelle: „Bitte flieg den Kröten nach und belausche sie! Kehre zurück, wenn sie ihren Plan ausgeheckt haben! Doch sei vorsichtig, dass sie dich nicht bemerken! Und nimm dich in Acht! Denn im Wald lauern viele Gefahren.“
„Hab keine Sorge, du gute weise Schildkröte“, sagte die Libelle. „Ich bin flink wie der Eisvogel und still wie ein Lufthauch. Ich werde zurückkehren und euch allen treulich berichten, was die Kröten planen.“
Kaum hatte sie fertig gesprochen, hob sie sich leise surrend in die Luft und verschwand in den Schatten des Waldes, den Erdkröten hinterher.
Sie musste nicht lange suchen. Denn die Kröten waren langsam. Und die Kröten waren laut. Schon von Weitem hörte sie ihren wütenden Chor. Die Libelle flog vorsichtig heran, so nah, dass sie die Höckerkröte sehen und hören konnte, und ließ sich im Schutz eines Farnwedels nieder.
„…und dann verlassen wir euch im Herbst wieder, sagte der feige Teichfrosch zu mir. Und alle anderen konnten es hören. Dabei weiß jeder von uns, dass der Frosch ein Lügner ist. Der Frosch lügt immer, wenn er das Maul aufmacht. Nimmer wird er sein Versprechen halten und sich einen anderen Platz am Weiher suchen. Wieso sollte er das auch tun? Hat er nicht hinterlistig den späten Anbruch des Frühlings genutzt? Hat er uns nicht schon weggenommen, was seit Generationen uns gehört?“
Die Libelle war entsetzt über die Härte der höckerigen Kröte, wie laut sie schrie und hetzte.
Und immer wieder schallte der Ruf der anderen Kröten zurück: „Der Weiher gehört nur uns allein! Der Weiher gehört nur uns allein!“
Und die Kröte sprach noch schlimmer: „Glaubt ihr wirklich das Märchen, dass sie vor Dürre und Feuer flohen? Nein, das kann ihnen niemand abnehmen, der einen Funken Verstand hat! Ich weiß: Fortgejagt hat man sie von ihrem Teich. Ihre eigenen Leute haben sie verscheucht. Und nun versuchen sie uns mit süßen Versprechungen zu verführen. Sie wollen uns vergiften mit ihren Worten. Und wenn wir ihnen glauben, dann werden sie bleiben – ein Jahr, zwei Jahre, drei Jahre. Und sie werden sich vermehren und sie werden uns weiter belügen. Und sie werden uns weiter Frieden vorspielen, bis wir von ihren Worten betäubt und unaufmerksam geworden sind. Und dann werden sie über uns herfallen und werden uns aus unserer Heimat vertreiben.“ Ihre Stimme überschlug sich bei den letzten Worten und versagte dann ganz.
Heiß und wild schrien alle Kröten: „Wir glauben ihre Lügen nicht! Jagt alle fremden Tiere fort!“
Da hatte die Libelle genug gehört. Denn sie wusste, dass mit dieser Krötenschar nun nicht mehr zu verhandeln war. Rasch erhob sie sich und flog wie der Wind zurück zum Weiher, um den anderen zu berichten.
Dort waren nun immer mehr Bewohner zusammengekommen. Die Teichmolche und die Springfrösche hatten noch mehr Angst, als sie die Worte der Libelle hörten. Eine Gruppe von Wasserläufern rannte wild durcheinander und diskutierte dabei, wo man sich am besten verstecken könnte. Auch die Fische waren gekommen. Sie hatten zwar keine Angst vor den Kröten. Doch sie liebten die Ruhe des Weihers und wollten nicht, dass ein Streit alles durcheinander bringt.
„Ich denke, dass die Kröten bald hier sein werden. Die Sonne sinkt bereits und die Schatten der Bäume erreichen den Weiher“, stellte die alte Schildkröte fest. „In der Kühle des Schattens wird es ihnen einfacher sein, vom Waldrand durch das Gras zum Ufer zu kriechen.“
Doch ein Springfrosch fragte aufgeregt: „Aber was sollen wir tun?“
„Wir werden hier bei dem Baumstumpf zusammenstehen“, sagte die Schildkröte mit fester Stimme. „Wenn sie sehen, dass wir vereint sind, dann werde ich…“
Sie stockte plötzlich und schaute langsam nach oben.
„Was ist mit dir?“, fragte einer der Molche beunruhigt. „Hast du etwas gesehen?“
„Ich bin mir nicht sicher“, antwortete die Alte. „Wenn wir beieinander bleiben und Ruhe bewahren, dann wird uns nichts geschehen. Vertraut mir! Ich werde mit den Kröten reden. Und ich bin sicher, dass sie sich überzeugen lassen, dass ein friedliches Zusammensein möglich ist. Nicht alle Kröten sind so ängstlich und hasserfüllt wie die Höckerkröte.“
Nachdenklich schwiegen alle. Doch die Schildkröte schaute wieder zu den Baumkronen und lauschte.
Der Wind strich durch die Blätter und ein leises Rascheln war zu vernehmen. Etwas war anders als sonst.
Da drangen plötzlich und noch leise die heiseren Rufe der Kröten aus dem Wald: „Wir glauben eure Lügen nicht! Jagt alle fremden Tiere fort!“
„Sie kommen!“, flüsterte einer der Molche und die Tiere rückten dichter zusammen. Allein die Wasserläufer wirrten über die Oberfläche des Weihers. Sie konnten einfach nicht still halten.
Als der Schatten der Bäume den Baumstumpf schon längst erreicht hatte, krochen die ersten Erdkröten aus dem Wald in das Gras des Ufersaumes.
Unter ihnen war die Höckerkröte. Sie kroch ganz vorne, umringt von ihren Artgenossen.
„Wir glauben eure Lügen nicht! Jagt alle fremden Tiere fort!“
Wie ein brauner Fluss wogte die Menge der Kröten, Welle um Welle. Und den Freunden am Ufer stockte der Atem. Das waren so viele!
In kurzer Entfernung zum Baumstumpf sprang die Höckerkröte auf einen kleinen Felsbrocken. Sie pumpte die Wärme des Steins in sich hinein. Die Schar der Erdkröten bildete einen Ring um die Freunde. Reihe um Reihe standen sie bald so dicht und breit, dass auch die Springfrösche nicht über sie hätten hinweggelangen können.
Immer lauter toste der wütende Chor der Kröten.
„Ruhe!“, befahl die Höckerkröte mit kreischender Stimme.
Ängstlich drängten sich die Molche und Frösche an die weise Schildkröte. Gebannt starrten sie die Höckerkröte an.
Grimmig blitzten die Augen der Krötenmasse auf den verschüchterten Haufen der neuen Teichbewohner.
Wieder schaute die Alte in den Himmel und schien etwas zu wittern.
„Ihr seid also immer noch an unserem Weiher“, donnerte die Stimme der Höckerkröte.
„Der Weiher gehört nur uns allein! Der Weiher gehört nur uns allein!“ brüllten die anderen Kröten.
„Ihr feigen Eindringlinge werdet jetzt unseren Weiher für immer verlassen. Wir öffnen unseren Ring, sodass ihr hindurch gehen und verschwinden könnt. Niemand wird euch etwas antun. Doch wenn ihr diese letzte Möglichkeit verstreichen lasst, dann werden wir euch mit Gewalt vertreiben. Noch hält mein Wort diese unermessliche Krötenschar zurück…“
Die Höckerkröte musste nicht weiter sprechen. Ihre Artgenossen öffneten einen Pfad in ihrer Schlachtreihe. Schon löste sich der erste Molch aus der Nähe der weisen Schildkröte und bewegte sich auf den Pfad hin.
„Halt!“, befahl die Schildkröte und senkte ihren Blick von den Wipfeln der Bäume. „Hört mich an! Wir alle sind in großer Gefahr.“ Und sie richtete ihre Worte mehr an die Erdkröten als an ihre Freunde. „Schart euch zu uns, ihr Kröten! Ich wittere den Reiher in den Lüften. Hier am Baumstumpf wird er unsere Masse scheuen. Doch wenn ihr so breit am Ufer bleibt…“
„Lügen!“, kreischte die Höckerkröte. „Hört nicht auf die Alte! Ihr kennt sie wohl und wisst, dass sie listig und hinterhältig ist. Feiges Gift will sie in euch gießen, damit ihr schwach werdet.“
Doch die ersten der Kröten begannen zu zittern. Auch sie spürten, dass Gefahr drohte.
Die gemeine Höckerkröte bemerkte davon jedoch nichts. Zu sehr war sie in ihrem Hass gefangen.
„Aber wir werden zusammenstehen wie eine Wand. Wir werden der Alten ihr feiges Lügenmaul schon stopfen. Für sie ist kein Platz mehr an unserem Weiher!“
Entsetzt hörten alle den kurzen Schrei des Reihers. Sein Schatten brauste über die Masse der zitternden Tiere und verschwand wieder über die Wipfel der Bäume.
In der angstvollen Stille blickten alle zur Höckerkröte. Doch der Felsen, auf dem die böse Kröte eben noch gesessen hatte, war leer.
Starr vor Entsetzen wagten die Erdkröten kaum, sich zu bewegen. Vorsichtig sahen sie einander an. In ihren Augen spiegelte sich blanke Angst.
Doch je mehr sie erkannten, welch große Gefahr über ihnen lag, desto mehr wurde ihnen bewusst, dass die alte Schildkröte recht gehabt hatte. Nicht die Molche und Frösche waren eine Gefahr. Die Schildkröte hatte sie nicht belogen. Nein, die Höckerkröte hatte sie verführt und sie alle an die Schwelle des Todes gebracht.
Langsam und klebrig wie Fichtenharz und schwer wie ein Uferfelsen legte sich das schlechte Gewissen über die Schar der Kröten und ließ sie erstarren wie kalter, dichter Morgennebel, der jede Bewegung lähmt.
Auf einmal machten die ersten Kröten mit gesenktem Blick kehrt und wollten zurück in den Wald kriechen. Sie hatten es nicht mehr verdient, hier bleiben zu dürfen.
Doch der Molch, der eben noch als erster die Reihen der Freunde verlassen wollte, sprach sie an: „Bleibt hier bei uns! Der Weiher bietet genug für uns alle. Und wenn Gefahr droht, dann lasst uns zusammen stehen, wie wir das eben getan haben.“