Große pädagogische Irrtümer
Wir erleben eine Zeit, in der das Lernen allgegenwärtig scheint – und es zugleich verlernt wird.
Nie zuvor standen uns allen so viele technische Hilfsmittel, Informationen und Reize zur Verfügung. Und doch nehmen Konzentration, Selbstdisziplin und grundlegende Fähigkeiten ab.
Wer täglich mit jungen Menschen arbeitet, kann diese Entwicklung nicht mehr übersehen.
Meine folgenden Gedanken entstammen der Sorge um das, was unsere Gesellschaft zusammenhält: die Fähigkeit, sich aufeinander einzulassen, voneinander zu lernen und das Gelernte zu beherrschen.
Dies ist kein wissenschaftlicher Bericht, sondern ein persönlicher Appell – aus Erfahrung, Beobachtung und Verantwortung geboren.
Lehren, Lernen, Verkümmern – Gedanken zur Erziehung in unserer Zeit
Das Folgende ist – und das möchte ich nochmals unterstreichen – keine wissenschaftliche Abhandlung. Ich verzichte bewusst auf eine durch Belege oder Quellen nachvollziehbare Beweisführung.
Was nun folgt, hat appellativen Charakter. Es soll mit gesundem Menschenverstand nachvollziehbar sein.
Manches mag provokant wirken. Doch nicht jede zugespitzte Formulierung ist als Provokation gemeint.
Mich bewegt seit Jahren die Beobachtung, dass mit jedem Schülerjahrgang, den meine Kollegen und ich nach der zehnten Klasse „entlassen“, die Fähigkeit, das Arbeitsleben erfolgreich zu gestalten, weiter abnimmt.
Vor einigen Jahren noch machte ich mir nur um einzelne Schülerinnen und Schüler Sorgen, was ihre Zukunftsfähigkeit betrifft. Heute hingegen sind jene, die ich ruhigen Gewissens ziehen lassen kann, zur Ausnahme geworden.
Ich mache mir Sorgen – nicht nur um die jungen Menschen selbst, sondern auch um den Wohlstand und den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. Denn diese sehe ich schwinden.
Immerhin bemerke ich zunehmend, dass auch andere diese Entwicklung wahrnehmen. Was mir jedoch fehlt, ist die Zuversicht, dass sich in unserer Gesellschaft der Wille zu einer grundlegenden Kursänderung durchsetzt.
Vielleicht können meine folgenden Gedanken – die, wie ich betonen möchte, weder neu noch originär die meinen sind – einen Beitrag dazu leisten, dass mehr Menschen die Probleme erkennen, die uns bedrängen.
Schließlich hege ich die Hoffnung, dass dann irgendwann – möglichst bald! – auf die Erkenntnis auch das richtige Handeln folgt.
Grundlegende Gedanken
1. Lernen ist Imitation und Repetition – Nachahmen und Wiederholen. Je aufmerksamer das Schauen, desto besser die Imitation. Je häufiger die Wiederholung, desto sicherer wird das Nachgeahmte gefestigt. So wird es zur Routine, wird also sicher beherrscht, ohne dass erneut darüber nachgedacht werden muss.
2. Aufmerksames Schauen und Hören sind der Anfang allen Lernens – selbst dann, wenn wir uns dessen gar nicht bewusst sind.
3. Lernen wird durch positive Emotionen beim Lernenden begünstigt, ebenso wirken Belohnungen förderlich.
4. Lernen wird durch Neugierde angeregt. Neugierde ist aber nur die Triebkraft, sie ist nicht das Lernen selbst.
5. Soll das durch Neugierde Wahrgenommene auch gelernt werden, sind Imitation und Wiederholung nötig. Neugierde zeigt den Weg – Lernen lässt uns sicher auf ihm gehen.
6. Lehre, die die Neugierde befriedigt, schafft den Anfangsreiz. Lehre, die das Wiederholen fördert, schafft das Lernen, also die Grundlage für das Beherrschen.
7. Doch Lehre, die immer nur die Neugierde bedient und sich nicht die Zeit nimmt, das Beherrschen zu fördern, führt zur Reizüberflutung. An ihrem Ende stehen Menschen, die zwar „alles“ einmal wahrgenommen haben, aber „nichts“ wirklich beherrschen.
Solche Lehre, die auf die kurzfristige Befriedigung der Triebe setzt, ist nutzlose Zeitverschwendung.
8. Die ersten Lehrenden eines Menschen sind in seiner täglichen Umgebung zu finden: Mutter, Vater, Geschwister. Sie alle werden gesehen, sie werden gehört. Der junge Mensch sieht, hört und imitiert sie – ganz ohne Anleitung.
Zur besseren Nachvollziehbarkeit meiner weiteren Gedanken pflege ich an dieser Stelle einen kurzen Exkurs ein:
Angeblich ließ im 13. Jahrhundert der Stauferkaiser Friedrich II. (1194 bis 1250) Neugeborene von ihren Müttern trennen und so aufziehen, dass die Pflegenden sie zwar füttern und waschen durften, ihnen aber jede sprechende – und nach manchen Berichten sogar körperliche – Zuwendung verboten war.
Friedrich wollte herausfinden, welche „Ursprache“ Menschen ohne sprachlichen Einfluss von außen spontan sprechen würden. Er glaubte, auf diese Weise die ursprünglich von Gott gesprochene Sprache entdecken zu können.
Nach der Überlieferung des Chronisten Salimbene di Adam konnten die Kinder ohne Händeklatschen, Gesten und Liebkosungen nicht überleben. Das Experiment scheiterte: Die Kinder starben oder entwickelten keine Sprache.
Heute wissen wir, dass positive Emotionen der Antrieb des jungen Menschen zum Imitieren und Wiederholen sind. Friedrichs grausames Experiment zeigt mit erschütternder Deutlichkeit, wie lebensnotwendig der emotional positive Kontakt zwischen Bezugspersonen und Heranwachsenden ist.
Fehlen Nähe und soziale Interaktion, verkümmert der Mensch – damals wie heute.
9. Zur sozial-emotionalen Dimension tritt die des Lehrens durch die Eltern hinzu. Ihnen und dem familiären Umfeld des Kindes kommt eine hohe Verantwortung zu: Je jünger der Lernende, desto wichtiger ist es, die für das weitere Leben nötigen Grundfertigkeiten zu lehren.
Wer diese Grundfertigkeiten sicher beherrscht, wird fähig sein, darauf alles Weitere aufzubauen, was ihn zu einem erfolgreichen Menschen macht.
10. Wenn Kinder das familiäre Umfeld erstmals regelmäßig verlassen – etwa beim Eintritt in die Kinderkrippe oder den Kindergarten –, baut das Lehren dort auf den Grundlagen auf, die die Eltern gelegt haben.
Von diesem Moment an fällt die wichtigste Lernvoraussetzung zeitweise weg und muss neu aufgebaut werden: die emotionale Bindung.
Ein Kind, das gelernt hat, sich emotional auf jemanden – auch auf eine zunächst fremde Person – einzulassen, wird sich bereitwillig belehren lassen.
Fehlt ihm diese Fähigkeit, wird es fortan weniger lernen können als andere.
11. Leider führen viele Eltern heute das grausame Experiment Friedrichs fort, ohne sich der Folgen bewusst zu sein.
Wenn Eltern ihr Kind mit einem Tablet-PC oder Smartphone „ruhigstellen“, ist das kein harmloses Ablenken, sondern eine Form des Entzugs – besonders in den sensibelsten Entwicklungsphasen des Kindes zwischen null und drei Jahren.
Die Folgen sind nachweisbar: Beeinträchtigungen in Sprache, Aufmerksamkeit, sozialer Kompetenz und emotionaler Regulation.
12. Entscheidend ist dabei jedoch nicht das Gerät selbst, sondern das, was es ersetzt.
Je mehr Emotion und soziale Interaktion dem Kind vorenthalten werden und je länger dieser Entzug andauert, desto schwerwiegender sind die Fehlentwicklungen.
Tablet und Smartphone sind also in mehrfacher Hinsicht schädlich für Heranwachsende:
a) Sieht ein Kind, dass seine Bezugsperson diese Geräte bedient und spürt es deren Emotionen, will es dieses Verhalten imitieren. Tatsächlich „empfängt“ es dabei jedoch für seine Entwicklung schädliche Signale.
b) Die Bezugsperson ihrerseits interagiert wegen der Konzentration auf das Gerät weniger oder unangemessen mit dem Kind: Emotionale, sprachliche und motorische Entwicklung werden gehemmt. Die Erwachsenen selbst „senden“ also dem Kind schädliche oder gar keine Signale mehr.
c) Gibt man dem Kind schließlich selbst eines dieser Geräte in die Hand, wird die Verbindung zur lehrenden Bezugsperson auch von der kindlichen Seite her abgebrochen. Der unmündige „Empfänger“ erhält durch das Gerät eine Flut von Reizen, während die Kommunikation zu Eltern oder Erziehern – auch die emotionale – abbricht.
Im schlimmsten Fall verliert das Kind das Interesse an der Interaktion mit seinen Bezugspersonen – und damit die Chance, von ihnen zu lernen.
13. Smartphone und Tablet bewirken also das Schlimmste für die Entwicklung von Kindern.
Schon dann, wenn Erwachsene diese Geräte benutzen, während Kleinkinder zugegen sind, wirkt sich das negativ aus.
Ähnliches wurde bereits in den 1970er-Jahren über das Fernsehen und seit den 1990er-Jahren über Spielekonsolen gesagt.
Doch die heutigen Geräte sind bedeutend gefährlicher – durch ihre allgegenwärtige Verfügbarkeit und den nachlässigeren Umgang der heutigen Elterngeneration mit ihnen.
Wer den Blick für das Wesentliche im Lernen verliert, verliert am Ende den Menschen selbst.
Lernen beginnt mit Beziehung, mit Bindung. Wo Bindung schwindet, kann Bildung nicht entstehen.
Wer Zuwendung durch Geräte ersetzt, erzieht keine Menschen – er produziert Defizite.
Und wer die Verantwortung dafür verdrängt, verliert nicht nur die nächste Generation, sondern den Kern unserer Kultur.
Diese Gedanken-Reihe wird demnächst fortgesetzt.