Stefan Engel – Der blaue Vogel
ein Märchen nach Art der Gebrüder Grimm
Ein Jüngling lebte allein in einem Haus am Rand seines Dorfes. Sein Vater war Tischler gewesen. Von ihm hatte er Haus und Handwerk geerbt, als dieser vor einigen Jahren an einer schlimmen Krankheit verstorben war. Da seine Mutter bei seiner Geburt verstarb, war er seitdem auf sich allein gestellt. Sein Vater war ein rechtschaffener Mann. Vor diesem lernte er, seit er alt genug dafür war, wie die Werkzeuge zu gebrauchen, das Holz zu wählen und richtig zu behauen, wie richtig Maß zu nehmen war und alles Weitere, was nötig war, um ein guter Tischler zu sein.
Doch statt fleißig das kleine Erbe seines Vaters zu mehren, begann er nach dessen Tod, davon zu leben, ohne viel zu arbeiten. Er saß lieber im Wirtshaus, statt in der Werkstatt zu sein. Und wenn einmal jemand aus dem Dorf einen Tisch oder einen Stuhl bei ihm in Auftrag gab, dann brauchte es eine viel zu lang Zeit, bis er sein Werk fertiggestellt hatte. Denn gerade im Sommer saß er lieber auf der Bank vor seiner Werkstatt und rauchte ein Knasterpfeifchen. Und wenn er dann endlich das Werkstück ausgeliefert hatte, dann kippelte der Stuhl oder der Tisch ging bald darauf aus dem Leim und brach zusammen. So zog er sich den Zorn der Leute aus dem Dorf zu und bald bekam er keine Aufträge mehr.
Im Winter darauf ging es ihm schlecht. Er hatte das Erbe des Vaters aufgebraucht und seinen schmalen Lohn verprasst. Noch nagte er nicht am Hungertuch. Doch im Frühling würde er Haus und Werkzeug verkaufen müssen. Er wollte in die Stadt ziehen und dort irgendeiner Arbeit nachgehen.
Als er so eines Tages durch den Wald streifte, um Feuerholz zu suchen, vernahm er das Singen eines Vogels. Noch nie hatte er eine solche Vogelstimme gehört. Und sie schlug ihn in den Bann, sodass er ihr folgte. Schließlich sah er auf einem verschneiten Ast einen seltsamen Vogel sitzen. Nur gut eine Männerhandbreit war er groß. Sein Gefieder leuchtete in tiefem Blau und seinen Kopf und seinen Schwanz zierten prächtig tiefrote Federn. „Ei, du bist mir ein wundersamer Vogel,“ sagte er. „Komm nur auf meine Hand. So kann ich deine Schönheit bewundern und deinen Gesang besser lauschen!“ So lockte er das fabelhafte Tier. Doch insgeheim dachte er bei sich: „Nun warte, dich will ich fangen und in der Stadt an die feinen Herren verkaufen. Du wirst mir einen schönen Batzen Gold einbringen.“ Der Vogel, der davon nichts ahnte, flog heran und setzte sich auf die Hand des Jünglings. Und schon griff der zu und stopfte das Tier in seinen Rucksack.
Zuhause angekommen setzte er den blauen Vogel in einen alten Sperlingskäfig, machte sich etwas zu Essen und betrachtete dann seine Beute. Ihn störte, dass das Tier seit seiner Gefangennahme keinen Laut mehr von sich gegeben hatte. Mürrisch schlug er mit dem Löffel an den Käfig. „He da, sing für mich, sonst werd’ ich dich ausstopfen und du bringst mir nur die Hälfte ein. Vielleicht auch nur noch ein Viertel.“ – „Nein,“ antwortete da das wundersame Tier, „ich singe nicht für einen, der mir Leid antut.“ – „Ei, du bist wohl ein Wundervogel, wenn du sprechen kannst,“ entgegnete da der Jüngling. „Wenn du mir einen Wunsch erfüllst, dann will ich dich wohl wieder gehen lassen.“ – „Nun gut, was ist dein Begehr?“, fragte das merkwürdige Tier. „Ich will einen Haufen von Gold und einen Schrank voll kostbarer Kleider. Wenn du nur das beschaffst, dann will ich dich brav freigeben.“ Da sprach der Vogel: „Ich vertraue auf dein Wort.“ Und mit einem Mal ward der Holzstoß in der Ecke neben dem Kamin zu scheinendem Gold und die Tür des alten Schankes öffnete sich und gab den Blick frei auf prächtige Mäntel, die wohl einem König gebührten.
Doch der Jüngling dachte bei sich: „Den will ich nicht freigeben. Wenn nur ein Wunsch erfüllt wird, dann wird es auch ein Zweiter sein.“ Und so sagte er: „Wenn du mir hier einen prächtigen Palast schaffst, so will ich dich brav freigeben.“ Und auch diesen Wunsch erfüllte ihm das arme, gefangene Tier. Doch er betrog den Vogel wieder und ließ ihn nicht frei und forderte nun. „Einen Jungbrunnen sollst du mir schaffen. Einen, der Krankheit und Alter von mir nimmt, wenn ich mich darin bade, auf dass ich immer so bleibe, wie ich bin. Dann will ich dich brav freigeben.“ Und auch diesen Wunsch erfüllte ihm das wundermächtige Tier.
Doch er betrog den Vogel wieder und ließ ihn nicht frei und stieg stattdessen in das Brunnenbecken, das der Vogel in der großen Halle seines Palastes geschaffen hatte. Doch als er sein Haupt mit dem zauberhaften Wasser benetzte, ward er zu Stein und erstarrte, so wie er war und blieb auf immer so, wie er war.
Der Vogel jedoch ließ mit seiner Wundermacht den Käfig zerbersten und flog davon.