Szene 1 – Marktplatz

 

Dienstfrau Meier

Bürgermeisterin Fuchs

Hersfelder Zünfte: Schmiede, Tuchmacherinnen, Bäcker, Brauer

Hedwig Müller

Rechberg

Mathildis

Peter Keschen

Eva Scheidemann

Georg Braun

Eberhard Gerwig

Mutter Rechberg

Suse

Gertrud

 

(Das Schützenfest ist gerade beendet. Das Volk steht noch beisammen, redet, scherzt, lacht. Andere Hersfelder laufen geschäftig über die Bühne, emsige Stimmung, rufen. Die Bürgermeisterin steht dabei, lenkt, leitet, gestikuliert.)

 

Dienstfrau Meier:

Frau Bürgermeisterin! War das nicht ein spannender Wettkampf unserer tapferen Schützen? Ich hätte nie gedacht, dass der Rechberg den besten Schuss machen würde. Der hat ja noch nicht einmal einen richtigen Bart, nur Flaum auf der Oberlippe. So jung ist der noch.

Bürgermeisterin Fuchs:

Du hast Recht, liebe Meier! Jung ist er zwar… Aber hast du gesehen, wie besonnen und ruhig er gezielt und geschossen hat? Jeder Versuch ging ins Schwarze. So was hab ich schon seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Und – wahrlich, wahrlich! – wir können jeden guten Schützen brauchen. Jeder in unserer Stadt ist in Sorge. Wir haben Nachricht, dass der Abt sich mit den Sterner Rittern verbunden hat. Man munkelt, dass er uns schon bald angreifen will.

Dienstfrau Meier (besorgt):

Oh weh! Oh weh! Das ist alles meine Schuld! Beim letzten Lullusfest hab ich bös über den Abt geredet. Weil er uns doch die Steuerlast zu sehr erhöht hat. Ich konnte mir wegen der Steuer kaum mein fünftes Viertel Wein leisten!

Bürgermeisterin Fuchs:

Aber liebe Meier! Fünf Viertel Wein? War das nicht etwas zu viel? Da kann ich mir gut vorstellen, dass man Unsinn redet! Aber sei unbesorgt: Deine Schuld ist es nicht, wenn der Abt neidisch auf uns Bürger schaut. Wir sind ihm zu aufmüpfig geworden in den letzten Jahren. Das ist ihm ein Dorn im Auge. Und vielleicht hätten wir auch die eine oder andere Ladung seines Lieblingsweines nicht in unseren Ratskeller umleiten sollen! (lacht, dann wieder ernst) Wie dem auch sei! Wir sind gewarnt! Wir sind bereit! Der Abt scheint nicht zu scherzen. Wir scherzen auch nicht! Denn wie du siehst, ist unser Volk bereit. (macht Geste über das geschäftige Treiben) Das ganze freie Hersfeld zieht zum Kampf an unsere Mauern. Wir bereiten uns vor. Schau nur!

(Die ersten der Hersfelder Zünfte ziehen in ausgelassener Volksfeststimmung an den beiden vorbei.)

[…]

Bürgermeisterin Fuchs:

Hoffentlich linst Abt Berthold mal über die Mauer. Er soll ruhig sehen, was wir zu bieten haben. Und schau: Hier beginnt der Zug der Zünfte.

Dienstfrau Meier:

Ach ja, Frau Bürgermeisterin! Darauf freu ich mich schon seit langer Zeit. Und als erstes kommen die harten Jungs. (seufzt versonnen) Da kommen unsere Schmiede! Hersfelder Eisen ist erstklassig! Und der Stahl erst recht, den sie zu Schwertern machen. He, Ihr Schmiede, zeigt was ihr zu bieten habt!

Hedwig Müller:

Ich hab mein Schwert bei denen gekauft. Wenn der neue Abt mal Streit sucht, zeig ich ihm gern, was Hersfelder Stahl ausrichten kann …

Bürgermeisterin Fuchs:

Was seid Ihr schon so gereizt, meine Liebe? Ruhig Blut, schaut lieber zu!

(Die Schmiede präsentieren ihre Arbeiten und ziehen singend vorüber. Dienstfrau Meier ist ganz verzückt.)

Bürgermeisterin Fuchs:

Meine lieben Schmiede, das ist exzellente Arbeit! Aber nun geht es weiter, liebe Freunde! Hersfeld hat auch eine wunderschöne Seite. Schaut alle her! Hier kommen unsere Tuchmacherinnen.

(Die Tuchmacherinnen ziehen langsam vorbei, zeigen Waffenröcke und Kriegsfahnen.)

(Rechberg – mit Armbrust auf dem Rücken – und Mathildis treten hervor.)

Mathildis:

Mein Rechberg, du bist nun Schützenkönig. Ich bin so stolz auf dich. (nimmt seine Hände in die ihren) Sind das die wunderbar ruhigen Hände, mit denen du diesen einzigartigen Erfolg beim Schießen erreicht hast? Ach könnt ich deine Hände nur für immer halten!

Rechberg:

Ach Mathildis, das wäre schön. (lacht) Aber wie sollten wir denn essen und arbeiten, wenn wir nicht voneinander lassen können? So wird das nichts mit unserem eigenen Geschäft…

Mathildis (lacht auch):

Da hast du Recht. (wieder ernst) Aber unser Traum ist noch so weit entfernt. Zwar lieben wir uns von ganzem Herzen. Doch unsere Eltern wollen nichts wissen von unserer Liebe. Du weißt doch: Schon seit vielen Jahren stehen unsere beiden Familien in Konkurrenz um die besten Verträge mit den Tuchhändlern aus Frankfurt. Und seit letztem Jahr streiten unsere Väter, wer von ihnen beiden neuer Zunftmeister werden soll. Nun stell dir vor, sie erfahren, dass wir uns lieben! Das geht für sie gar nicht. Ach Rechberg, wie sollen wir sie nur umstimmen?

Rechberg:

Liebste Mathildis, ich bin sicher, dass uns das gelingen wird! Und mit meinen Händen werde ich gut für uns sorgen. Ganz Hersfeld weiß nun, wie geschickt ich als Schütze bin. Viele bewundern mich. Ist das nicht etwas, das deine Eltern beeindrucken kann? Aber ich hab bei meinem Vater auch ein gutes Handwerk erlernt. Und meine Hände sind nicht nur ruhig. Sie sind auch fleißig. Das wird uns ein gutes Auskommen sichern. Mein Vater hat gute Verbindungen zu mehreren Kontoren in Frankfurt. Und auch dein Vater kennt viele Händler nah und fern. Wenn wir Tuchmacher uns zusammentun und gute Arbeit verrichten, dann kann das für unser Hersfeld eine Goldgrube werden. Ich meine: Wenn wir Tuchmacher endlich alle zusammen stehen, dann wird das gut werden für unsere Zunft!

Mathildis (beruhigt):

Ach, das wäre schön – für uns und für Hersfeld. (schaut umher, wieder unruhiger) Ich glaub, deine Mutter sucht dich. Ich will rasch gehen. Noch darf sie uns nicht sehen. Lass uns später – wenn die Leute gegangen sind – wieder zusammen sein.

(beide zu unterschiedlichen Seiten ab)

Bürgermeisterin Fuchs:

In Hersfeld hat man immer guten Appetit und es gibt köstliche Speisen. Liebe Bäcker, Ihr seid dran.

[Die Bäcker singen ihr Lied, werden im Laufe der letzten Liedzeilen aber immer müder, setzen sich hin, liegen und schlafen schließlich erschöpft ein. Die Bürgermeisterin macht ein entrüstetes Gesicht und eine verärgerte Geste. Sie bedeutet der Dienstfrau, dass sie die Bäcker wecken und weiterscheuchen soll. Die Dienstfrau reibt sich freudig die Hände und weckt die Bäcker mit Tritten und Knüffen, sodass sie schließlich von der Bühne wanken.]

Bürgermeisterin Fuchs (nun zufrieden und lobend):

Seht unsere braven Bäckersleut, sie arbeiten bis zum Umfallen! Wohl Euch, denn ohne Euch säh’n wir ganz schön dürre aus! (lacht) Aber wer Hunger hat, der hat auch Durst. Was kann es da besseres geben als Hersfelder Bier? Und da kommen auch schon die Braumeister.

(Auch die Brauleute singen im Vorbeiziehen ihr Lied.)

Bürgermeisterin Fuchs:

Ja, ihr Brauleute, so ist das richtig! (sich an alles Volk wendend) Ach, Ihr Hersfelder! Mir wird ganz warm ums Herz! Ich fasse Mut, wenn ich Euch wackere Leute seh. Mit Eurem Löwenmut wird uns der Abt keine Angst machen können.

Peter Keschen (besorgt):

Meint Ihr, es ist klug, dass wir hier so großspurig auftreten? Der neue Abt wird es mitbekommen und die Lage ist angespannt genug. Wir wollen doch nicht noch mehr Streit! Er ist immerhin unser Herrscher, und wenn wir jetzt so selbstherrlich daherkommen …

Hedwig Müller:

Pah, dass ich nicht lache, der betrügt und unterdrückt uns, wo er nur kann! Ich halt es da lieber mit den Landgrafen von Hessen. Sie sind unsere Bündnispartner und werden uns beschützen.

Eva Scheidemann:

Also seit dieser Berthold hier Abt geworden ist, da wird’s immer schlimmer. Mit seinem Vorgänger konnte man ja wenigstens noch verhandeln … (macht eine ratlose Geste) Wir hätten den neuen gleich nach seinem Amtsantritt davon jagen sollen! (schlägt sich beherzt mit der rechten Faust in die linke Hand)

(Rechberg tritt herbei und hört den Bürgern zu.)

Georg Braun:

Aber der Abt residiert direkt vor unseren Mauern und nicht im fernen Kassel. Wie man hört, hat er sich mit den fürchterlichen Recken des Sternerbundes verbündet. Nicht stolze, ehrwürdige Ritter sind das, sondern finstre Gesellen sollen das sein. Man sagt, sie sind bereits im Anmarsch!

Eberhard Gerwig:

Lass sie doch kommen! Mit denen werden wir fertig! Die würden nicht einmal einen Fuß hinter unsere Stadtmauern setzen. Oder habt ihr etwa Angst? Was ist mit Eurem Löwenmut? Seht Euch doch an, wie unsere Zünfte hier auftreten! Schaut, wie mutvoll ganz Hersfeld ihnen zujubelt! Da wird mir nicht bange!

Mutter Rechberg (tritt nach vorn, an ihren Sohn gewandt):

Ah, hier steckst du also, mein Sohn. Ich bin dir recht böse! (macht ein ernstes Gesicht) Ganz Hersfeld feiert dein Schützenglück und du freust dich daran. Doch für deine liebe Mutter hast du keine Zeit übrig! (Rechberg schaut schuldbewusst. Seine Mutter lacht!) Mein Sohn, lass diese trübe Miene sein! Du weißt doch, dass ich dir nicht böse sein kann.

Rechberg (erleichtert):

Für einen Moment dachte ich wirklich, dass du es ernst meinst, Mutter. Du schaffst es immer wieder, mir ein schlechtes Gewissen zu bereiten.

Mutter Rechberg:

Ja, mein Lieber, das können Mütter gut. (lächelt überlegen) Aber wie kann ich dir denn böse sein, wenn du doch von heut an Hersfelds Schützenkönig bist! Und dann auch noch der jüngste, den es jemals gab. Soll da eine Mutter nicht stolz sein? (Sie nimmt ihn in den Arm.)

Rechberg:

Doch, du kannst stolz auf mich sein. Und ich würde niemals etwas tun, was dich enttäuschen würde.

Mutter Rechberg (wieder ernst):

So, das würdest du? (schaut ihren Sohn scharf an) Pass ja auf, wenn dir die Herzen der Mädchen zufliegen, jetzt, da du der Schützenkönig bist. Verlieb dich ja nicht in die Falsche! Du weißt, wie dein Vater denkt und wie stolz er darauf ist, ein hoch geachteter Bürger zu sein, selbst dann, wenn er nur ein einfacher Tuchmacher ist und nicht ein reicher Kaufmann oder gar ein Rat der Stadt. Unser Handwerk ist ehrlich, unsere Familie ist stolz. Sei gewarnt! (macht eine warnende Geste, lächelt, geht ab)

Rechberg (allein):

Ach, wenn sie wüsste! Mathildis ist doch kein Mädchen von niedrigem Stand. Unsere Väter selbst sind es, die durch ihren Streit seit Jahren unsere Familien in Unruhe bringen. Und sie entzweien die ganze Zunft der Tuchmacher. Wir Tuchmacher streiten uns und die Kaufleute aus Frankfurt spielen uns gegeneinander aus und zahlen uns weniger als unser gutes Tuch wert ist. (er seufzt)

(Mathildis tritt heran. Währenddessen geht das geschäftige Treiben am Rande der Bühne weiter…)

Mathildis:

Wenn meine Eltern uns jetzt sehen würden! Oh weh! Wir dürfen nur kurz reden! Mein Gott, ist mein Vater ein stolzer Gockel! Er kann es gar nicht leiden, dass Familien wie deine noch zum Abt und zum Stift halten. Und dann noch dieser unselige Streit zwischen den beiden über das Amt des Zunftmeisters! Ach wenn sie sich doch nur endlich vertragen würden!

Rechberg (unterbricht Mathildis):

Abt, Landgraf, Ämter und Würden! Wen interessiert das denn schon? Die Welt unserer Eltern ist verrückt und falsch. Ich werde um deine Hand anhalten und bald führen wir unser eigenes Geschäft. Ich habe meine Handwerkskunst und du hast einen guten Geschäftssinn. Beides wird uns weit bringen. Nach Ämtern strebe ich nicht – im Gegenteil zu unseren Vätern. Ich liebe keinen Abt und keinen Grafen, ich liebe dich!

Mathildis:

Du weißt, ich liebe dich auch. Ich würde jederzeit mit dir kommen wollen. Aber mein Vater wird uns nie seinen Segen zur Heirat geben! Und jetzt spricht die ganze Stadt auch noch von der Gefahr eines Krieges. Was sind das für Zeiten? (sie greift liebevoll seine Hand) Doch nun musst du gehen. Man ruft das Volk zur Wehr. Wenn du mich liebst, dann schütze mich vor den bösen Angreifern, schütze unser geliebtes Hersfeld! Aber pass auf dich auf, wenn es an den Stadtmauern gefährlich werden sollte! Kehre zurück zu mir!

Rechberg:

Ich verspreche dir, was auch passieren wird, ich komme zurück und werde bei dir sein. Keine Gefahr wird uns trennen! Wir sehen uns bald wieder!

(Rechberg nimmt seine Armbrust vom Rücken in die Hand und geht ab Richtung Stadtmauer. Mathildis sieht ihm betrübt nach. Zwei Freundinnen Mathildis‘ treten hinzu.)

Suse:

Na, Mathildis, ist er weg, dein Rechberg? Wie deine Augen leuchten vor Liebe! Ach! (seufzt) Wenn mir doch auch bald der richtige Mann über den Weg laufen würde! Aber das wird wohl nichts! Die Männer sind schon ein komisches Volk: Die einen sind reich, aber hässlich. Die anderen sind hübsch, aber arm. Wie soll man denn da den Richtigen fürs Leben finden?

Gertrud:

Mensch Suse! Was bist du nur für ein einfältiges Weibsstück! Bei den Männern geht’s doch nicht nur um Aussehen und Geld! Der Charakter ist wichtig! Was hab ich denn von nem reichen Schönling, wenn er dumm ist wie Heeneser Brot und sein Kopf leer wie die Weinfässer im Keller des Abts?

Mathildis:

Gertrud, das hast du gut gesagt! Mein Rechberg hat Charakter! Er sorgt sich nicht um seinen Vorteil und nicht um die Politik. Sein Herz gehört ganz mir, (besinnt sich kurz, lacht dann) na fast ganz! Unser Hersfeld ist ihm auch sehr wichtig. Und er sorgt sich sehr wegen des Streits mit dem Abt. Ihn interessieren nicht die Geschäfte oder die Steuern oder die Macht von Abt oder Landgraf. Sein Denken gilt unseren Freunden und Mitbürgern, die nicht hinter unseren starken Mauern ihr Haus haben. Denkt doch mal, wie viele Handwerker draußen vor den Toren leben. Und denkt auch an die Bauern, die den Angreifern ohne Schutz ausgeliefert wären! Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie die Sterner mit denen umspringen, wenn sie auf unsere Stadt marschieren.

Gertrud:

Wohl wahr, Mathildis! Drum lass uns sehen, was wir tun können, damit es unseren Freunden vor der Stadt nicht schlecht ergeht.

Suse:

Ja ja, ihr habt ja Recht! Da komm ich mit und helfe! (bei sich) Und vielleicht ist ja ein fescher junger Kerl dabei, der brav seinen Hof führt und ein taffes Mädel sucht.

(alle drei ab)

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