James Thurber – Das Einhorn im Garten
(übersetzt von Stefan Engel)
Eines schönen sonnigen Morgens schaute ein Mann, der in seiner Frühstücksecke saß, von seinem Rührei auf und erblickte ein weißes Einhorn mit einem goldenen Horn, das ruhig die Rosen im Garten erntete. Der Mann ging hinauf ins Schlafzimmer, in dem seine Ehefrau noch schlief, und weckte sie auf. „Da ist ein Einhorn im Garten“, sagte er, „das Rosen frisst.“ Sie öffnete missgelaunt ein Auge und blinzelte ihn an. „Das Einhorn ist ein Fabelwesen“, sagte sie und drehte ihm den Rücken zu. Der Mann stieg langsam die Treppe hinab und ging in den Garten. Das Einhorn war noch da; es weidete sich nun durch die Tulpen. „Hier, Einhorn“, sagte der Mann, und er zog eine Lilie aus dem Boden und gab sie ihm. Ernsthaft fraß sie das Einhorn auf. Mit klopfendem Herzen – schließlich war da ein Einhorn in seinem Garten – ging der Mann treppauf und weckte seine Ehefrau erneut. „Das Einhorn“, sagte er, „hat eine Lilie gefressen.“ Seine Ehefrau setzte sich im Bett auf und schaute ihn kühl an. „Du bist ein armer Irrer“, sagte sie, „und ich werd’ dich in die Klapsmühle bringen lassen.“ Der Ehemann, der die Worte armer Irrer und Klapsmühle noch nie mochte, am wenigsten an einem strahlenden Morgen, wenn ein Einhorn im Garten war, dachte einen Moment nach. „Wir werden ja sehen“, sagte er. Er ging hinüber zur Tür. „Es hat ein goldenes Horn auf seiner Stirn“, erzählte er ihr. Dann ging er zurück in den Garten, um das Einhorn zu betrachten, aber das Einhorn war verschwunden. Der Ehemann setzte sich zu den Rosenbüschen und schlief ein.
Sobald ihr Ehemann aus dem Haus war, stand die Frau auf und kleidete sich an so schnell sie konnte. Sie war sehr aufgeregt und ein genüsslicher Blick glänzte in ihren Augen. Sie rief die Polizei an und sie rief einen Psychologen an. Sie sagte, sie sollten zu ihrem Haus eilen und ein Zwangsjacke mitbringen. Als die Polizei und der Psychologe ankamen, setzten sie sich in die Sessel und schauten sie mit großem Interesse an. „Mein Ehemann“, sagte sie, „sah ein Einhorn heut’ Morgen.“ Die Polizei schaute den Psychologen an und der Psychologe schaute die Polizei an. „Er sagte mir, es hätte eine Lilie gefressen“, sagte sie. Der Psychologe schaute die Polizei an und die Polizei schaute den Psychologen an. „Er erzählte mir, es hätte ein goldenes Horn mitten auf seiner Stirn“, sagte sie. Auf ein ernstes Zeichen des Psychologen sprang die Polizei aus ihren Sesseln und fing die Ehefrau. Sie hatten ganz schön zu tun, sie zu überwältigen, denn sie focht einen sagenhaften Kampf aus, aber endlich überwältigten sie sie. Gerade als sie sie in ihrer Zwangsjacke hatten, kam der Ehemann zurück ins Haus.
„Haben Sie Ihrer Ehefrau erzählt, sie hätten ein Einhorn gesehen?“, fragte die Polizei. „Natürlich nicht“, sagte der Ehemann. „Das Einhorn ist ein Fabelwesen.“ – „Das ist alles, was ich wissen wollte“, sagte der Psychologe. „Nehmen Sie sie mit! Es tut mir leid, Sir, aber Ihre Ehefrau ist so verrückt wie ein Eichelhäher.“ So nahmen sie sie mit davon, fluchend und kreischend, und schlossen sie in einer Anstalt weg.
Der Ehemann lebte glücklich und zufrieden.
Moral: Zähl’ deine Irren nicht, bis sie verklappt sind!
Das englische Original erschien erstmals im New Yorker am 31. Oktober 1939