Stefan Engel – Ein Krippenspiel
Personen des Spiels:
drei Engel, gern auch mit individuellen Namen
eine Familie Vater, Mutter, Sohn, Tochter
aktive/r Pfarrer/in
Altarraum: Wohnzimmer einer Familie, vier oder fünf Sitzgelegenheiten (Sessel, Bank, Sofa, Stuhl)
ein Weihnachtsbaum steht unbeachtet in einer Zimmerecke, nach und nach kommen die Familienmitglieder herein, bereits dabei starren sie auf einen Bildschirm (Handy, Tablet-PC, Laptop, eines der Kinder gern auch mit erkennbaren Kopfhörern), jeder setzt sich auf einen Platz, stumm, blickt starr auf den eigenen Bildschirm, wischt ab und zu oder tippt, kein Blickkontakt untereinander, kein Gespräch, von irgendwoher dudelt unbeachtet Weihnachtsmusik…
Die Familie bemerkt von dem Folgenden rein gar nichts. Denn die Engel sind für Menschen weder zu sehen noch zu hören…
Auftritt Engel 1 (im Vordergrund, beachtet die Familienmitglieder noch nicht, seufzt zufrieden, reibt sich voll Tatendrang die Hände): Ah! Nun bin ich endlich mal wieder zum Weihnachtsdienst eingeteilt. Wie hat mir das die letzte Zeit doch gefehlt: auf der Inspektionsrunde durch die Wohnzimmer die freudigen Kinderaugen, die Anspannung der Eltern, ob die Geschenke gefallen, die festliche Vorfreude, das Singen, die Gespräche unterm Weihnachtsbaum… (Pause, Stimmungswechsel nach trüb und genervt) Stattdessen musste ich mit Petrus an der Himmelspforte die Neuzugänge prüfen: Name, Sterbedatum, Liste der guten Taten, Liste der schlechten Taten. (Ausruf der Langeweile) Und dann immer die Ausreden, wenn es zu viele schlechte Taten waren – jahrhundertelang immer die selbe Leier! (gezogen) Langweilig!
Auftritt Engel 2: Hallo 1! Auch mal wieder im Weihnachtsdienst? Dich hab ich ja lange nicht gesehen…
Engel 1: Ja! (winkt ab) Hatte Dienst bei Petrus…
Engel 2: Au weia! Da bist du vor Langeweile sicher fast gestorben.
Engel 1: Wenn ich nicht bereits tot wäre – sicher tausend mal! Ich weiß gar nicht, was schlimmer war: die weinerlichen Menschen oder die alten Geschichten von Petrus, was er bei der Überfahrt nach Rom auf dem Meer alles erlebt hat. Am häufigsten hat er davon erzählt, wie er bei diesem schlimmen Sturm vom Kapitän des Schiffes das Steuer übernommen hat, weil der so seekrank war. Das kann ich im Schlaf nachplappern!
Engel 2: (lächelt wissend) Ja, der Alte ist so eitel!
Engel 1: So, nun aber los! (reibt sich wieder die Hände) Lass uns mal die Weihnachtsstimmung prüfen! (beide wenden sich der Familie zu)
Engel 2: (resigniert) Ich hab’s doch geahnt!
Engel 1: (zeigt auf die Familie) Was machen die denn da? Kein Singen? Kein Musizieren? Ich kann ja was hören… (verwirrt) Also, Musik vom Plattenspieler gab’s ja auch schon früher… (suchend) Aber wo ist das Ding? Und warum glotzen die Menschen unentwegt auf diese Leuchttafeln?
Engel 2: Tja, mein Alter! (klopft ihm auf die Schulter) Das ist was ganz Neues. Die Dinger nennt man Laptop oder Tablet oder Smartphone!
Engel 1: (entrüstet) Du brauchst gar nicht so klug zu tun. Ein wenig Englisch kann ich auch – ich bin ja ein Engel! Haha (lacht über sein eigenes Wortspiel) Aber im Ernst: Wer denkt sich denn so bekloppte Namen aus? Laptop – „Schoßdrauf“? Tablet – „Tablett“? Smartphone – „Klugklang“? Und das erklärt noch lange nicht, weshalb die alle wie die Zombies auf diese Dinger starren.
Engel 2: (nachdenklich) Ja, so genau weiß ich das auch nicht. Aber wir können ja mal versuchen, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen und sie fragen. (geht herum, winkt, gestikuliert)
Engel 1: Also 2! Du vergisst das immer wieder. Der Alte hat uns doch diesen Schutzschirm draufgegeben. Die sehen nix von uns! Bestenfalls hören geht manchmal, wenn wir uns ganz doll anstrengen. Wie wär’s, wenn wir mal ein Lied anstimmen?
Engel 2: Toller Gedanke! (wendet sich an die Kirchengemeinde) Aber hier können uns ja ein paar Leute helfen, oder? (Ansage: Lied X)
Gesang
Engel 2: (blickt nach dem Ende des Liedes auf die Familie – immer noch schweigend und abwesend) Hm, das hat ja nun gar nichts geholfen. Was machen wir denn jetzt?
Engel 1: Ich mach mal das Licht aus. (klatscht – das Licht im Altarraum erlischt)
Engel 2: (beschaut die Familienmitglieder, die immer noch auf ihre leuchtenden Bildschirme starren) Keine Reaktion! Kannst das Licht wieder einschalten!
Engel 1: (klatscht erneut – Das Licht strahlt wie vorher.)
Engel 3: (steht plötzlich bei Engel 1 und 2) Ey, ihr seid total von gestern! Mit so ollen Spielchen kannste heut keinen mehr ausm Sessel hauen!
Engel 1: (zu Engel 2) Wer ist denn der Jungspund?
Engel 2: (zuckt die Schultern) Keine Ahnung, der muss neu sein. (wendet sich Engel 3 zu) Wer bist du denn?
Engel 3: Hi, ich bin Engel 3, frisch von der Engel-Uni! Hab Medienwissenschaften, Psychologie und Informatik studiert – lauter Menschenwichtigkeiten, (Kunstpause) von denen ihr beiden offenbar keine Ahnung habt.
Engel 2: (entrüstet) Na, ich will doch mal bitten! Ich weiß sehr wohl, dass die Mutter da mit ihrem Smartphone hantiert!
Engel 3: (selbstsicher) Und? Weißt du, wie das Ding heißt oder was sie damit macht?
Engel 2: (verlegen und kleinlaut) Ich weiß, wie’s heißt…
Engel 3: Na, siehste! Wusst ich’s doch! Ihr zwei braucht mich, damit hier mal so’n richtig groovy Christmas Spirit aufkommt und die ihre Gadgets weglegen! Ist eigentlich ganz einfach: Musst nur die IP-Adressen von den Geräten nehmen und dann das W-LAN oder das Handy-Netz blockieren. Schaut mal! So! (klatscht)
Die Familienmitglieder „wachen auf“: Jeder tippt auf Tastaturen, wischt über den Bildschirm, drückt Knöpfe… Sie legen die Geräte schließlich beiseite und schauen sich an.
Sohn: Ey! Was is’n jetz los? Das W-LAN is‘ abgekackt! Ma? Du hattest doch meine Sperre rausgenommen, oder?
Mutter: Aber ja, mein Schatz! Aber das kann’s nicht sein. Auf meinem Handy hab ich auch kein Netz mehr.
Vater: Mein Laptop ist auch irgendwie raus…
Tochter: Papi, wieso geht’n mein tic toc nicht mehr?
Vater: Da stimmt irgendwas mit dem Router nicht. Ich geh mal ins Arbeitszimmer und logg‘ mich übers Kabel ein. (ab)
Engel 3: (zu den beiden anderen) Seht ihr? So einfach geht das!
Engel 1: Dann können wir’s ja jetzt nochmal mit einem Lied versuchen. (an die Gemeinde gewandt) Ihr helft doch wieder mit, oder? (Ansage: Lied Y)
Gesang
Vater: (tritt wieder hinzu) Also, das war komisch! Beim Router war alles in Ordnung. Alle Einstellungen wie immer. Hab dann zur Sicherheit den Stecker gezogen, wieder rein, „initialisieren“ und schaut: Es läuft wieder!
Tochter: (schaut auf ihr Handy) Super Papi, tic toc läuft wieder!
(Familienmitglieder starren wieder auf ihre Bildschirme)
Engel 1: (zu Engel 3) Na, du Neunmalkluger! Das war ja wohl nix! Alles wie gehabt!
Engel 3: Ey, bleibt mal cool, ihr beiden! Der Alte Herr da oben hätt‘ doch auch nicht gleich Feuer und Schwefel vom Himmel fallen lassen. Die nächste Stufe heißt (Kunstpause): Störsignal! (freut sich) Das bringt diese simplen Dinger total durcheinander, wartet’s mal ab! (an die Gemeinde gerichtet, mit viel Motivation) Also, wir brauchen eine richtige, innige Weihnachtsstimmung! So viel positive Energie hilft! Wie wär’s mit einem weiteren Lied? (Engel 3 nennt einen „Klassiker“, von dem zu erwarten ist, dass die gesamte Kirchengemeinde lauthals mitsingen kann!)
Gesang
Familienmitglieder: (Einer nach dem anderen schaltet während des Liedes sein Gerät aus (Bildschirm erlischt) und legt es weg.)
Gesang endet
Engel 2: (verblüfft) Schaut mal! Das hat’s gebracht!
Sohn: Ey Papa! Hier stimmt was nicht: Ich hatte dutzende Kills bei Fortnite (oder ein anderes Ballerspiel) und hab das Level gewonnen. Doch irgendwie fühlt sich das auf einmal schlecht an…
Tochter: Mama, schau dir das mal an! Die Influencerin hier bei dem TikTok Channel ist total gephotoshopt. Glaubt die in echt, dass ich ihr das abkaufe, dass dieser ganze Beauty-Kram wirklich wirkt?
Mutter: (zu ihrem Ehemann) Du Schatz, ich glaub, ich schmeiß die App von diesem Werbekanal vom Handy. Den Müll da braucht doch eh kein Mensch!
Vater: (zu seiner Ehefrau) Schatzi, du hast Recht! Und im Ernst: Dieses Programm zur Optimierung unserer Aktienfonds… Ich glaub, das bringt’s nicht wirklich. Mehr Geld ist doch nicht alles…
Tochter: Papi, was krieg ich eigentlich zu Weihnachten?
Vater: (bedrückt) Ich hatte da ein paar vielversprechende Share-Holder-Optionen… (Pause, nachdenklich) Aber irgendwie scheint mir das nicht mehr so wichtig.
Sohn: Sagt mal, war das mit dem Krieg in Syrien (der Ukraine oder an einem anderen Ort, der aktuell in den Nachrichten präsent ist) echt? Ich meine, sind die Leute da in den Nachrichten wirklich erschossen worden und in echt tot?
Mutter: Ich fürchte, das ist wahr!
Tochter: Kann man da nichts tun, Mama?
Mutter: Das ist echt schwierig. Ich glaube, wir fangen erstmal bei uns hier zuhause an.
Vater: Stimmt! Hey Sohnemann! Nach den Feiertagen reparieren wir dein altes Fahrrad und schenken es der Flüchtlingsfamilie gegenüber, okay?
Sohn: Klasse Idee, Papa! Dann machen wir ja auch mal wieder was gemeinsam. (Beide ab nach einer Seite.)
Tochter: Mama, können wir nicht Frau Möller von oben ein paar Kekse bringen? Die sah vorhin im Treppenhaus so traurig aus…
Mutter: Das machen wir, mein Schatz! (Beide stehen auf und gehen ab.)
Engel 2: (Tritt in das nun leere Wohnzimmer) Na, wer hätte das gedacht?
Engel 1: Das war ja mal wieder richtig spannend.
Engel 3: Tja, die richtige Menge Weihnachtsstimmung bringt’s eben immer!
Engel 2: Das war schon früher so.
Engel 1: Was gut, das wir das alle (zeigt auf die Gemeinde) gemeinsam geschafft haben.
Pfarrer/in: (tritt hinzu) Ja, ihr Engel. Danke, dass ihr uns geholfen habt, das wieder zu erkennen. (Engel machen Zeichen, dass sie gehen wollen.) Macht’s gut! Bis nächstes Jahr! Es ist gut, dass ihr einen Blick auf uns habt!
Engel 1: (schmunzelnd) Das haben wir! Nicht nur alle Jahre wieder…
Engel 1, 2, 3: (ab, winken dabei) Tschau! Gerne! Tschüss!
Pfarrer/in leitet über zum Fortgang des Gottesdienstes