Stefan Engel – Blutige Abendstunde

Das Geräusch hatte sie aus ihrem Schlummer gerissen: scharf und hart, doch zugleich ein Laut größten Schmerzes, dann plötzliche Stille.

Sie sprang vom Sofa auf. Nach der Wanderung am Nachmittag war sie sehr müde gewe­sen und hatte sich deshalb kurz hinge­legt.

Was war das? Wie lange habe ich geschlafen? dachte sie und versuchte sich zu orientie­ren. Es war dunkel geworden. Aus der Küche drang ein Lichtschein über den Flur ins Wohnzimmer, wo sie sich befand. Immer noch Stille. Nein, drang da Stöhnen zu ihr durch? Unterdrückt, dachte sie.

Sie machte einen hastigen Schritt in Richtung der Tür und ein beißender Schmerz durch­schoss ihr linkes Knie. Sie hatte es sich am Glastisch angeschlagen.

Sie biss die Zähne zusammen. Bloß keinen Laut!

Sie wusste im ersten Moment, dass Schlimmes geschehen sein muss­te. Vorsichtig taste­te sie sich vorwärts, die eine Hand auf dem brennenden Knie, die andere vor ihrem Mund. Bloß kei­nen Laut!

Als sie in der offenen Küchentür stand, stockte ihr der Atem. Sie musste sich am Türrah­men festhalten. Im Bruchteil ei­ner Se­kunde war alles Blut aus ihrem Gesicht gewichen. Entsetzen und Zorn übermannten sie.

Hinter der Anrichte lag Kalle, ihr Hund. Seine vordere Hälfte war von dem Möbelstück ver­deckt. Das Tier lag in einer blutro­ten Lache.

Langsam tauchte zuerst Mathias’ Kopf hinter der Anrichte auf, dann sein Oberkörper, dann seine rechte Hand. Er hielt das gro­ße Küchenmesser! Seine Linke war blutver­schmiert.

„Du Scheusal! Das hätte ich dir nie zugetraut!“, schrie Sandra ihren Mann an. „Wie konn­test du Kalle das antun?“

Der Schmerz im Knie war weißer Wut gewichen. Heiß stieg ihr der Hass in den Kopf und sie hastete auf ihren Mann zu, der nicht wusste, was ihm geschah.

Mit einem Satz hatte sie die Anrichte erreicht und ihm das Mes­ser aus der Hand geschla­gen.

„Mach, dass du fortkommst!“, herrschte sie ihn an und wand sich um die Anrichte, um Ma­thias kraftvoll wegzustoßen.

Der stolperte rückwärts, ohne sich zu wehren und hielt sich die blutende linke Hand.

Sandra beugte sich über Kalle.

Atmet er noch? dachte sie. Hoffentlich atmet er noch! Ich muss sofort den Notarzt rufen. Nein, ich packe den Hund und bringe ihn gleich selbst mit dem Wagen in die Klinik. Um den feigen Mörder kümmere ich mich später!

Sie tastete mit der Handfläche den Körper des Tieres ab, um nach einem Lebenszeichen zu spüren. Da! Er atmet noch! Schnell, es ist noch nicht zu spät!

Sie hob Kalle vorsichtig hoch. Der Hund war schwer. Wann hat­te sie ihn das letzte Mal heben müssen? Lange Zeit nicht mehr, zuletzt noch, als er viel kleiner war.

Doch was war das?

Bisher von Kalles Körper verdeckt, lag ein schweres Glas nahe der Anrichte.

Sie schaute auf die rote Flüssigkeit am Boden. Sie sah das Blut, das von Mathias’ Hand tropfte, der sie mit seiner Rechten fest drückte. Am Boden vereinigten sich beide Substan­zen.

Mathias stöhnte.

„Leg endlich den Hund wieder hin und hilf mir!“

Sandra begriff nur langsam.

„Kalle fehlt nichts! Der hat höchstens ne Beule an seinem Dick­schädel.“

Sie legte Kalle vorsichtig auf die Anrichte. Zögernd hob sie ihre Hand, an der die rote Substanz klebte, in der Kalle bis eben ge­legen hatte. Sie roch daran. Tomate. Passato!

Doch die andere Flüssigkeit war eindeutig Mathias’ Blut!

„Hol jetzt gefälligst im Bad das Verbandszeug, bevor ich noch mehr meine Schuhe vollsudele! Das tut verdammt weh!“

Erst jetzt begriff Sandra: „Du hast dich mit dem Küchenmesser geschnitten!“

Stücke saftigen Filets lagen auf dem Brett nur wenige Ellen ent­fernt.

„Blitzmerker! Und im Affekt hab ich das offene Glas mit Passato von der Anrichte gefegt. Das hat Kalle auf den Schädel bekom­men. Hat ihn wohl ausgeknockt! Du weißt doch, wie er gei­ert, wenn wir Essen zubereiten. Immerhin: Das Glas ist noch ganz!“, stöhnte er lako­nisch.

„Oh weh!“, stieß Sandra hervor, „ins Bad, alles klar!“

Sie schaute sich in der Küche um.

„Wo war der Kasten nochmal?“

Panik ergriff sie.

„Rechter Schrank oben?“ Sandra keifte und riss die erste Schranktür auf.

„Großer Schrank unten?“

„Im Bad! Herrgottnochmal! Mach hin!“, fluchte Mathias. „Und nimm das Brett mit dem Fleisch vor Kalles Schnauze weg! Wenn der Kerl jetzt wach­ wird, bin ich bestimmt nicht schnell ge­nug, um das Zeug zu retten.“

„Mach ich, mein Schatz“, sagte sie sanft, um sich selbst zu be­ruhigen.

Sie drückte ihrem blutenden Mann einen Kuss auf die Wange, stellte das Brett mit den Filetstücken auf die Spülfläche und hastete ins Badezim­mer, um Verbandszeug zu holen.

„Ach ja,“ seufzte Mathias, „impulsiv und zärtlich. Ich weiß schon, was ich an dir habe!“

Und dann musste er sich auf den Boden setzten.

Vom Blutverlust wurde ihm ganz neblig im Kopf.

Der Küchenschrank gab ihm etwas Halt.

Er hörte aus dem Bad das Schlagen einer Schranktür.

Dann Sandras hysterisches Kreischen der Enttäuschung.

Er kippte langsam zur Seite.

„Ich hab ihn gefunden!“, jubelte sie.

Scheppern und erneutes Türenschlagen.

„Verdammtermist!“

Irgendetwas musste zu Bruch gegangen sein.

Nun wurde ihm endgültig schwarz vor Augen.

Doch er lächelte, als sie ihn auf dem Küchenboden fand.