Szene 6 – im Haus des Dekans (andere Seite der Bühne)
Dekan Albrecht von der Tann
Eberhard von Engern
Fritz von Hattenbach
Fürstabt Berthold II.
Lamprecht von Netra
Alexander vom Hofe
Friedrich von Schlitz
Bürgermeisterin Fuchs
alle Ratsleute
Hersfelder Wehr
(Die Sterner Ritter feiern: Einige Ritter sitzen um einen Tisch, auf dem reichlich Wein und Fleisch stehen. Die Becher sind gefüllt. Die Ritter johlen selbstsicher und siegesbewusst, geben aber bei genauem Hinsehen, kein ernsthaft kampffähiges Bild ab.)
Dekan:
Ihr wackeren Ritter! Seid mir willkommen in meinem Haus. Nehmt frei von Speis und Trank und stärkt euch für eure Ruhmestat! (macht eine Pause)
Alle Ritter (sogleich und durcheinander):
Wohl wahr! Hört hört! Auf den Dekan! Auf den Fürstabt! Auf unseren sicheren Ruhm!
Eberhard von Engern:
Jawohl, ihr Haudegen! Auf unseren sicheren Ruhm! Denn dass wir siegen werden, das ist gewiss! Denn wenn ich an eurer Seite kämpfe, dann werden die Städter rennen wie die Hasen!
Fritz von Hattenbach:
Ho ho ho! Hört euch den an! Von eurem Geprahle werden sie sicher nicht Reißaus nehmen!
Eberhard von Engern:
Ich prahle nicht, mein kleingläubiger Freund! Zehnmal lag ich mit meinen Mannen vor Stadttoren wie diesen. Zehnmal stand ich als erster auf den morschen Mauern aufmüpfiger Bürger. Zehnmal schon habe ich den Sieg davon getragen. Und morgen wird es das elfte Mal sein. Ich kann es kaum erwarten!
Alle Ritter:
Hört, hört! So wird es sein!
Fritz von Hattenbach:
Ich weiß ein feines Lied. Hört her und dann stimmt ein! Wir schlagen Hersfeld kurz und klein!
(Hattenbach setzt an, bald fangen die anderen an, einzustimmen. Ihr Lied ist jedoch kaum mehr als ein betrunkenes Gegröle.)
(plötzlich verstummen die Ritter vor Ehrfurcht: Unbemerkt ist der Fürstabt hereingetreten. Alle Becher sinken, Totenstille!)
Fürstabt Berthold (blickt ernst in die Runde, lächelt grimmig):
Sehr gut, meine Getreuen! Das ist der richtige Gedanke! Wir werden Hersfeld kurz und klein schlagen. Doch zuerst wird die Bürgermeisterin hier in diesen Mauern (zeigt eindrücklich auf den Boden des Hauses) ihr letztes Wörtchen hauchen. Dann gibt es kein (imitiert den Tonfall der Bürgermeisterin) „Freunde und Mitbürger“ mehr. Ihr sollt den ganzen Rat erschlagen! Zerschmettern sollt ihr den Kopf dieser Hydra, die „Freiheit“ schreit! (steigert sich immer mehr, die Stimme überschlägt sich fast) Freiheit, Freiheit, immerzu Freiheit! Diese Nacht ist’s der Rat, der Rat ist das Haupt!, das ihr abschlagt. Und morgen dann werden eure und meine Truppen die Stadt im Sturm nehmen. Denn ihr werdet ihnen im Morgengrauen die Tore öffnen! Morgen werden wir den Leib dieses Untiers zerschmettern. Morgen werden wir die Freiheit in den Unrat treten. Wir treten sie dorthin, woher diese gottlose Brut sich erhoben hat. Wir holen uns zurück, was uns dieses lästerliche Volk in seiner Verblendung gestohlen hat. Und wer nicht bereit ist, mir als Herrn zu dienen, den werden wir ausmerzen vom Angesicht dieser Erde! Schwört, Ihr Ritter! Schwört, dass Ihr nicht eher ruhen werdet, bis dieses Werk vollbracht ist! Schwört!
(alle Ritter und der Dekan legen die rechte Hand aufs Herz):
Wir schwören feierlich!
Fürstabt Berthold (blickt erhaben in die Gesichter und lächelt):
So ist es gut! (schaut noch einmal in die Runde der vor Ehrfurcht starren Ritter. Sein Blick bleibt an Eberhard von Engern heften.) Engern! Folgt mir! Für Euch habe ich morgen eine besondere Aufgabe.
Eberhard von Engern (demütig):
Jawohl, mein Herr. Ich folge Euch.
(Fürstabt Berthold verlässt gemessen die Bühne, von Engern folgt ihm.)
Dekan (feierlich):
Ihr habt den ehrenwerten Fürstabt gehört! Morgen haben wir dieses Untier Freiheit vernichtet! Darauf lasst uns trinken!
(alle Anwesenden heben ihre Becher, gemeinsam):
Vernichtet die Freiheit! Ein Hoch dem Fürstabt!
Lamprecht von Netra:
Einen genialen Plan hat hier der Abt gehabt!
Alexander vom Hofe (unterbricht ihn):
Genau! Ein genialer Plan!
Lamprecht von Netra (schaut vom Hofe grimmig an):
Der Dekan wird die Bürgermeisterin und den Rat hier in diesen Mauern fein mit Wein abfüllen und dann … (lacht grimmig)
Alexander vom Hofe:
Genau! Abfüllen und dann …
Fritz von Hattenbach:
Und wenn sie dann ganz trunken sind… dann gnade ihnen Gott! (macht eine Geste mit seinem Hirschfänger an der Kehle entlang)
Alexander vom Hofe:
Genau! Dann gnade ihnen Gott!
Friedrich von Schlitz:
Und dann öffnen wir morgen früh das Stadttor und unsere Streitmacht hat ein leichtes Spiel!
Alexander vom Hofe:
Genau! Ein leichtes Spiel! (jubelt) Der Sieg ist unser!
Alle Ritter:
Der Sieg ist unser!
(Die Hersfelder Wehr stürmt herein. Getümmel und Geschrei. Die Ritter sind vollkommen überrascht. Manche zücken plötzlich ihr Schwert, werden aber bald überwältigt und gebunden. Währenddessen treten die Ratsmitglieder herein, sichtlich zufrieden.)
Bürgermeisterin Fuchs:
Seht! Unser Argwohn war begründet.
Ratsherrin Göbel:
So ist es! Unsere tapfere Wehr hat diese gemieteten Mörderbuben mutig gefasst und gebunden.
Bürgermeisterin Fuchs:
Führt sie ab! Unser Ratskeller hat ein vergittertes Nebenverlies, gut verschlossen mit bestem Hersfelder Eisen! Das ist fest und kalt. Da haben sie einen feinen Platz und können ihre Wut abkühlen. Und wenn sie sich beruhigt haben, dann werden wir einen nach dem andern aus dem Loch hervorholen und befragen, was sich der Abt an Schändlichkeiten ausgedacht hat.
(alle ab)