Szene 8 – draußen vor der Stadt

 

alle Ritter

alle kämpfenden Hersfelder

von Engern

Rechberg

Bürgermeisterin Fuchs

Mathildis

Mutter Rechberg

 

(von einer Seite treten weitere Sterner Ritter auf die Bühne, von der anderen Seite die Hersfelder, der Kampf beginnt mit dem Sturm der Ritter auf die Mauern der Stadt. Die Armbrustschützen verteidigen, Rechberg tötet von Engern, der als erstes seinen Kopf über die Mauer erhebt, der Kampf geht noch einige Zeit weiter, die Hersfelder siegen, die Sterner Ritter – wenn sie noch laufen können – fliehen (ab), die Hersfelder Bürgersfrauen und Kinder treten jubelnd hinzu)

Bürgermeisterin Fuchs:

Der Sieg ist unser! (alle jubeln)

Mathildis (tritt aus der Menge heraus):

Hört auf zu feiern! Was tut Ihr? Diese Mörder werden das Umland verwüsten und töten, wen sie antreffen! Stürmt ihnen nach und schützt unsere Bauern!

Bürgermeisterin Fuchs:

Was denkst du nur, mein Kind! Wir sollen uns in Gefahr bringen und unser Hersfeld schutzlos zurücklassen? Wie stellst du dir das vor? So einfach ist das nicht! So ist nun mal der Krieg!

Mathildis (erbost):

Dann ist das nicht euer Sieg! Ihr seid keine mutigen Löwen, sondern feige Hunde!

Bürgermeisterin Fuchs:

Zügele deine Worte und geh heim! Du verstehst nichts von dem, was hier geschieht!

Mathildis (wendet sich traurig zur Seite, wo Gertrud und Suse stehen):

Wie kann das alles sein? Wie können diese (zeigt auf die Feiernden) nur unsere Schwestern und Brüder vor der Stadt vergessen? Und was ist nur aus meinem liebsten Rechberg geworden? Ich sehe ihn nirgends und bin voller Sorge! Ich möcht ihn suchen. Gott! Lass ihn unversehrt, ich mag mir gar nicht vorstellen, was passiert sein könnte …

Mutter Rechberg (die in der Nähe stand und Mathildis‘ Worte hörte, tritt hinzu, erstaunt):

Was muss ich da hören? „Mein liebster Rechberg“? Wer bist du, dass du so etwas sagen darfst?

Mathildis:

Ich bin Mathildis, eines angesehenen Hersfelder Tuchmachers Tochter. Und ich liebe Euren Sohn von ganzem Herzen.

Mutter Rechberg:

Eines Tuchmachers Tochter bist du? Deine Familie ist aus unserer Zunft? Lass mich dich dich genau anschauen! (Sie sieht Mathildis streng ins Gesicht, erkennt Familienähnlichkeit.) Nun erkenn ich dich! Du bist Brückenmüllers Tochter! Dein Vater und mein Ehemann streiten sich seit Jahren und bringen so Unheil über unsere gesamte Zunft. Das gibt einen Zank, wenn sie von eurer Liebe erfahren! Aber du liebst meinen Sohn wirklich. Deine Sorge ist wahrhaftig. Eine Mutter spürt so etwas! Auch ich bin in Sorge um meinen Sohn. Wenn wir doch bald Nachricht bekämen!

Rechberg (tritt hinzu, außer Atem, die Armbrust in der Hand):

Hört mich an! Es ist schrecklich! Die Sterner sind weg, aber sie haben die Höfe verwüstet und die braven Landleute erschlagen oder fortgeführt.

Mutter Rechberg (an alle):

Weh uns! Mathildis hatte Recht! Wie konnten wir nur so siegessicher sein und dabei unsere Nächsten vergessen! Wir dürfen uns nicht abwenden! In Einigkeit liegt unsere Stärke! Ob Weber, ob Bäcker, ob Schmied, ob Brauer, ob Landmann, ob Ratsherr, Frauen und Männer: Wir Hersfelder sind alle eins!

Bürgermeisterin Fuchs:

Gut gesprochen, Frau Rechberg! Jetzt erkenne ich es auch: Mathildis hatte Recht! Los und auf! Ihr Kämpfer: Verfolgt und schlagt diese Barbaren! Bringt zurück an Mensch und Gut, was sie gestohlen haben! Und all ihr anderen: Lasst uns gehen und uns um die Verletzten und ihre Höfe kümmern. (alle jubeln)

Mathildis (an alle):

Hersfelder! So kenn ich euch! Das ist das Denken wahrer Menschlichkeit!

Rechberg:

Hersfelder Bürger, Freie, Unfreie! Hört mir zu! Ihr müsst alles tun, damit solch ein Schlachten nie wieder geschehen kann. Heute habe ich gesehen, dass solches Unheil nur Verlierer, ganz und gar unschuldige Verlierer kennt! Der Krieg schadet allen! Bedenkt das, wenn Ihr nach Hause zurückkehrt!

Mathildis:

Dies ist der bittere Sieg der Vitalisnacht. Das wollen wir niemals vergessen. Drum stellt ein Kreuz als Mahnmal für uns alle auf!

Alle Hersfelder (vereint, wie im Chor): Das wollen wir tun!

Mutter Rechberg (tritt lächelnd hinzu und nimmt stumm die Hand ihres Sohnes, dann die Mathildis‘ und führt die Hände beider zusammen, sie hält ihre Hände fest und besiegelt so ihre Zustimmung zum Bund der beiden Liebenden)

Rechberg:

Siehst du, Mathildis! Jetzt hältst du wieder meine Hände. Und das sogar mit dem Segen meiner Mutter.

Mathildis:

Ja, das macht mich froh. Und wenn ich den Blick deiner Mutter richtig deute, dann wird sie wohl noch heute ein ernstes Wörtchen mit deinem Vater reden.

Rechberg:

Oh ja! Der Streit unserer Familien stört meine Mutter schon seit langer Zeit. Und ich glaube, dass er bald zuende gehen wird. Da wird sich mein Vater einiges anhören müssen. Ich will lieber nicht in der Nähe sein, wenn Mutter nach Hause kommt. (lacht)

Mathildis:

Dann lass uns gehen! Es gibt noch viel zu tun, bis wieder Friede herrscht.

(Alle Hersfelder jubeln, Rechberg und Mathildis gehen zur Seite ab, der Vorhang fällt.)

– finis –

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